Die Zukunft von Disneyland Paris: Ein Blick hinter die Kulissen der Magie
Thomas kennt Disneyland Paris aus zwei völlig unterschiedlichen Welten: von „hinter den Kulissen“ als ehemaliger Cast Member und durch die Augen eines Puristen, der die Entwicklung des Resorts über Jahre hinweg intensiv verfolgt hat. Als 6-Castle-Club-Mitglied besitzt er zudem einen exklusiven Blick auf die anderen Disney-Parks rund um den Globus. Im BZU-Interview spricht er über die strategische Zukunft des Pariser Resorts, den Spagat zwischen Film-IPs und eigenen Themenwelten sowie die Herausforderungen des europäischen Marktes.
Historische Perspektive & „Disney DNA“
BZU: Du bezeichnest dich selbst als Disney-Puristen. Dementsprechend stammt deine Leidenschaft aus einer Zeit, in der Storytelling einen ganz anderen Stellenwert in den Parks hatte. Als ehemaliger Cast Member weißt du aber, dass gutes Storytelling immer an erster Stelle steht. Glaubst du, dass die aktuelle Strategie, verstärkt auf große IP-Franchises wie Marvel, Frozen oder Star Wars zu setzen, die ursprüngliche, immersive Atmosphäre der Parks langfristig gefährdet oder bereichert?
Thomas: Dass man heute stark auf bekannte Film-IPs setzt, beißt sich nicht zwangsläufig mit Immersion. Im Gegenteil: Einen Themenbereich zu gestalten, der auf einem bekannten Film basiert, macht den Einstieg sogar einfacher. Man ist schneller im Thema und muss sich nicht erst kognitiv darauf einlassen. Ich höre die Musik aus Frozen und bin gedanklich sofort im Film. Die Fokussierung auf Franchises macht die Parks also keineswegs weniger immersiv.
Ein bisschen schade finde ich es aber dennoch! Es nimmt dem Besuch etwas die Entdeckerfreude. Ich entdecke keine eigene Steampunk-Welt im Stile Jules Vernes mehr, in die ich mich erst eindenken muss – ich werde direkt in Star Wars katapultiert. Man muss selbst weniger Fantasie aufbringen, was extrem schade ist. Aber aus Unternehmenssicht ist das absolut verständlich: Wer möchte schon ein generisches Jules-Verne-Spielzeug kaufen? Die Marken verkaufen sich schlicht besser.
Operative Erfahrung & Service (Die Sicht des Insiders)
BZU: Du bist regelmäßig in anderen Disney-Resorts weltweit zu Gast. Wenn du den dortigen Service-Standard mit der Entwicklung in Paris vergleichst: Wo siehst du die größte Herausforderung für das Management, den weltbekannten „Disney-Magic-Standard“ aufrechtzuerhalten? Lässt sich Paris überhaupt mit Standorten wie Tokio oder Orlando vergleichen?
Thomas: Beflügelt vom immensen Erfolg von Tokio Disneyland plante man in den 80er-Jahren das Pariser Resort nach dem Vorbild von Walt Disney World in Florida: weitläufige Hotels mit Pools, das Disney Village mit Shows sowie einen Masterplan für mehrere Parks und Wasserparks. Man wollte eine echte Ferien-Destination schaffen. Das Newport Bay Club war 1992 das größte Hotel Europas – so sicher war man sich damals! Das hat in diesem Ausmaß bekanntermaßen nicht gezündet.
Paris hat gegenüber anderen Standorten zwei große Nachteile:
Das Klima: In 10 von 12 Monaten herrscht im Pariser Umland schlicht kein Urlaubs- und Schönwetterklima wie in Florida oder Kalifornien.
Die Kaufkraft: Die große Knacknuss ist die Zahlungsbereitschaft. Die Durchschnittsausgaben pro Kopf sind in Paris deutlich niedriger. Europäische Besucher sind nicht bereit, für einen Kurzurlaub im Freizeitpark so tief in die Tasche zu greifen wie Gäste in den USA.
Gigantische Investitionen wie in Florida oder Tokio, wo mal eben eine halbe Milliarde Euro für einen einzigen Coaster ausgegeben wird, werden wir in Paris deshalb auch weiterhin nicht sehen. Das finde ich aber nicht dramatisch. Die Kreativteams in Paris haben bewiesen, dass sie auch mit kleinerem Budget Großartiges schaffen können – wie etwa die Abendshow Cascades of Light.
Strategische Ausrichtung & Expansion
BZU: Die Umgestaltung der Walt Disney Studios hin zu „Disney Adventure World“ ist derzeit das größte Umbauprojekt. Glaubst du, dass der Park mit der Umbenennung und den neuen Themenbereichen endlich die Identität findet, die ihm seit der Eröffnung 2002 fehlte?
Thomas: Die Umbenennung war goldrichtig und absolut notwendig für einen echten Neuanfang. Was wir bisher vom Umbau sehen – wie dem zentralen See, der Promenade und dem neuen Frozen-Themenbereich – zeigt eine Bauqualität, die man in diesem Park bisher schmerzlich vermisst hat.
Schaut man sich das Landscaping rund um Frozen an – die sorgfältige Auswahl nordischer Tannen, gusseiserne Zäune und das Kopfsteinpflaster –, dann ist das schon auf einem sehr hohen Niveau. Der Park fühlt sich aktuell natürlich noch unvollständig an, aber die jüngsten Ergebnisse stimmen mich extrem optimistisch für die Zukunft.
BZU: Disneyland Paris gilt unter Fans oft als der „schönste“ Disney-Park der Welt. Denkst du, das Management ist sich dieses Alleinstellungsmerkmals bewusst genug, oder droht eine fortschreitende Angleichung an die Konzepte der US-Parks?
Thomas: Unter Fans wird ja fast schon spöttisch gewitzelt: „Man baut nichts Neues im Disneyland Park, weil man ein Meisterwerk nicht verbessern kann.“ Ich denke aber, man ist sich im Management sehr bewusst, welchen architektonischen Schatz man besitzt.
Die aufwendigen Renovierungen der letzten Jahre – wie die neu gestaltete Terrasse bei Casey’s Corner – beweisen den Willen, diesen Park in seiner ursprünglichen Schönheit zu erhalten. Michel den Dulk, Creative Director des Imagineerings in Paris, ist bekennender Fan der alten Schule von Design-Größen wie Tim Delaney. Auch im französischen Management ist mittlerweile eine echte Liebe zum Park gewachsen. Ich bin der festen Überzeugung, dass man beispielsweise auch Space Mountain irgendwann wieder zu altem Glanz verhelfen wird – ganz ohne IP-Overlay.
BZU: Wir sehen eine immer stärkere Digitalisierung über die App (Disney Premier Access, digitale Reservierungen). Wo liegt für dich als Purist die Grenze, ab der Technologie die Magie eher stört als unterstützt?
Thomas: Wir alle hängen manchmal dieser nostalgischen Vorstellung nach, man könne sich einfach völlig unbeschwert durch den Park treiben lassen. In der Realität gab es das aber schon seit der Jahrtausendwende nicht mehr.
Ich erinnere mich gut an die FastPass+-Zeiten in Florida, in denen es praktisch unmöglich war, ohne monatelange Vorausplanung der Rides einen entspannten Tag zu haben. Und auch in Paris war der Besuch unter den alten Papier-Fastpasses oft eine reine Rennerei von Automat zu Automat. Erstbesucher, die das System nicht verstanden, gingen völlig leer aus.
Ich begrüße den Trend keineswegs, für einzelne Attraktionen extra zu bezahlen. Aber es hat einen positiven Nebeneffekt: Die regulären Wartezeiten (Standby) sind dadurch wieder spürbar humaner geworden. Und für den „Once-in-a-Lifetime“-Besucher, der von weit her anreist, bietet der kostenpflichtige Premier Access zumindest die Garantie, alle Hauptattraktionen an einem Tag zu schaffen.
Marktposition & Erhalt von Klassikern
BZU: Die Konkurrenz in Europa schläft nicht: Der Europa-Park verzeichnet enorme Besucherzahlen, der Parc Astérix rüstet stark auf und Universal plant einen Park in England. Wie muss sich Disneyland Paris aufstellen, um seine Spitzenposition zu verteidigen?
Thomas: Disney spürt diesen Druck sehr wohl. Der europäische Markt ist hochkompetitiv geworden. Das Resort reagiert darauf, indem es nicht mehr nur auf schiere Masse setzt, sondern verstärkt auf Aufwertung und Pflege des Bestands.
Die Chancen stehen derzeit extrem gut, dass Disneyland Paris vermehrt in den Erhalt und die detailverliebte Restaurierung bestehender Klassiker investiert, anstatt nur reine Neubauten hochzuziehen. Das hat man zuletzt bei wunderschönen Überarbeitungen von kleineren Attraktionen wie Le Pays des Contes de Fées (Storybook Land) oder der Erweiterung der Außengastronomie gesehen. Das Bewusstsein für das historische Erbe des Parks ist definitiv vorhanden.
Persönliche Vision & Fazit
BZU: Wenn du für einen Tag der Chef-Imagineer von Disneyland Paris wärst: Welches Projekt würdest du sofort umsetzen?
Thomas: So schön der Disneyland Park ist: Er braucht jetzt nach all den Jahren der Pflege dringend wieder eine echte, große Hauptattraktion – eine Neuheit, die als neuer Publikumsmagnet fungiert.
BZU: Die Preise für Eintritt und Hotels steigen stetig. Wie verändert das den Typus des Gastes und welche Konsequenzen hat das für das Gesamterlebnis?
Thomas: Disney verfolgt seit einigen Jahren ganz bewusst die Strategie: Weniger Gesamtbesucher, dafür höhere Erlöse pro Gast. Das führt dazu, dass das Publikum exklusiver wird. Wer viel Geld ausgibt, hat allerdings auch extrem hohe Erwartungen an den Service und die Sauberkeit. Diese Erwartungen einzulösen, wird die größte operative Aufgabe der kommenden Jahre sein.
BZU: Wenn wir in zehn Jahren wieder hier sitzen: Was ist das Eine, das Disneyland Paris hoffentlich immer noch bewahrt hat?
Thomas: Seine unvergleichliche Atmosphäre und die Liebe zum visuellen Detail. Ich hoffe sehr, dass Disneyland Paris trotz aller Digitalisierung und neuen Film-Lizenzen stets der bezaubernde, architektonisch perfekt durchdachte Rückzugsort bleibt, den die Imagineers vor über 30 Jahren in die französische Landschaft gezaubert haben.
BZU: Danke dass du dir Zeit für unsere Fragen genommen hast!

Über den Interviewpartner: Thomas ist ehemaliger Disney Cast Member, langjähriger Experte für Freizeitpark-Architektur und als Mitglied des exklusiven 6 Castle Clubs ein intimer Kenner aller Disney-Resorts weltweit.

