Der Indiana Jones Themenbereich, der nie Realität wurde

Der Disneyland Park bei Paris entführt seine Besucher seit 1992 in zauberhafte Welten. Während sich Adrenalinjunkies heute durch den Tempel der Gefahr (Indiana Jones et le Temple du Péril) drehen, war ursprünglich ein viel gigantischeres Projekt geplant.

Anfang der 1990er Jahre existierten bereits fertige Baupläne für einen ganzen Themenbereich, der dem berühmten Archäologen gewidmet war: das nie realisierte Adventureland Expansion Project, besser bekannt unter dem Arbeitsnamen Indiana Jones and the Lost Expedition.
Der Ursprung: Ein Park im Wandel
Als Euro Disney (heute Disneyland Paris) 1992 seine Pforten öffnete, litt der Park in den ersten Jahren unter spürbaren finanziellen Problemen und einem unausgewogenen Attraktions-Portfolio. Das Adventureland bot zwar wunderschön gestaltete Wege, eine begehbare Insel und das spektakuläre Pirates of the Caribbean, doch es fehlte an echten Fahrgeschäften mit hoher Kapazität und Nervenkitzel.
Die legendären Disney-Designer, die sogenannten Imagineers unter der Leitung von WDI-Veteran Tony Baxter, erhielten den Auftrag, eine massive Erweiterung für das Adventureland zu entwerfen. Das Ziel war klar: Der Bereich sollte nicht nur um eine einzelne Attraktion reicher werden, sondern um ein immersives, zusammenhängendes Areal, das die Besucher mitten in ein Abenteuer der 1930er Jahre versetzt.
Das Konzept von “Indiana Jones and the Lost Expedition”


Anstatt nur eine Dunkelachterbahn oder eine Themenfahrt zu bauen, entwarfen die Imagineers ein gigantisches, miteinander verwobenes Komplex-System. Das Herzstück dieses Bereichs sollte ein riesiges, künstliches Gebirge bilden – eine Mischung aus altertümlichen Ruinen, bedrohlichen Tempelanlagen und tiefem, undurchdringlichem Dschungel.
Das Besondere an diesem Konzept war die physische Vernetzung zweier Hauptattraktionen innerhalb desselben Gebäudekomplexes:

Die EMV-Themenfahrt (Enhanced Motion Vehicle):
Ähnlich wie die spätere Attraktion Indiana Jones Adventure: Temple of the Forbidden Eye im kalifornischen Disneyland sollten die Besucher in geländegängigen Transportfahrzeugen durch düstere Tempelruinen fahren. Die Fahrzeuge simulierten durch Hydraulik komplexe Bewegungen wie Schleudern, plötzliches Bremsen und Stöße, während man riesigen Schlangen, Pfeilfallen und dem ikonischen rollenden Felsbrocken entkam.
Die Achterbahn:
Ein zweites Fahrgeschäft sollte sich direkt durch und um das Tempelgebirge schlängeln. Je nach Entwurfsphase handelte es sich dabei um eine rasante Lorentour im Stil von Indiana Jones und der Tempel des Todes oder um eine Kombination aus Achterbahn und Wildwasserfahrt.



Das revolutionäre Element der Planung war die Interaktion der beiden Fahrgeschäfte. Während man im Geländewagen über eine einstürzende Hängebrücke fuhr, schoss unter einem die Lore auf Schienen vorbei, während im Hintergrund ein Dampfzug den Tempel durchquerte. Die Besucher hätten das Gefühl gehabt, Teil eines lebendigen, dynamischen Film-Sets zu sein.
Detaillierte Gestaltung, Gastronomie und der “Explorers Club”
Der geplante Bereich sollte die Besucher nahtlos vom bestehenden orientalischen/karibischen Basar des Adventurelands in ein tiefes Dschungel-Canyon-Szenario führen.

Der Außensektor: Ein verlassenes Ausgrabungscamp mit Militärzelten, alten Lastwagen der 1930er Jahre, Funkausrüstungen und Kisten voller Artefakte sollte die Warteschlange bilden.
Der Dampfzug-Stopp: Selbst das Transportsystem des Parks, die Disneyland Railroad, sollte in das Konzept integriert werden. Die Zugstrecke hätte direkt durch die Höhlen der Indiana-Jones-Attraktion geführt, sodass auch Passagiere des Zuges Blicke auf den brodelnden Lava-See und die düsteren Statuen erhaschen konnten.


Vom eleganten “Explorers Club” zum Pizza Outpost: Auch bei der Gastronomie war die Abenteurer-Thematik tief verwurzelt. Was Besucher heute als den Schnellimbiss Colonel Hathi’s Pizza Outpost kennen, war zur Eröffnung 1992 ein exklusives Table-Service-Restaurant (Bedienrestaurant) namens Explorers Club. Es war als eleganter Herrensitz und Treffpunkt für Weltreisende gestaltet – reich dekoriert mit exotischen Artefakten, Trophäen und animierten Animatronic-Vögeln. Das Restaurant war eng an das Indiana-Jones-Universum angelehnt und sollte das gastronomische Herzstück des neuen Bereichs bilden. Da das edle Bedienkonzept in den Anfangsjahren jedoch nicht die erhofften Gewinne einbrachte, wurde es später in ein schnelleres, preiswerteres SB-Restaurant umgewandelt.

Warum das Projekt scheiterte
Trotz der fortgeschrittenen Planungen, detaillierten Zeichnungen und fertigen Miniatur-Modellen wurde die Lost Expedition niemals gebaut. Der Grund dafür war rein finanzieller Natur.
In den ersten Betriebsjahren blieben die Besucherzahlen und die Ausgaben der Gäste in den Hotels und Restaurants weit hinter den Erwartungen der Walt Disney Company zurück. Euro Disney geriet Mitte der 1990er Jahre in eine schwere Finanzkrise. Die immensen Baukosten für ein Projekt dieser Größenordnung – geschätzt auf mehrere hundert Millionen Dollar – waren schlicht unbezahlbar geworden.
Management und Imagineers mussten schnell handeln, um dem Park mit einem Bruchteil des ursprünglichen Budgets dennoch eine neue Attraktion zu verschaffen.
Die Kompromisslösung: Der Tempel der Gefahr
Um dem Verlangen des Publikums nach Nervenkitzel schnell und kostengünstig nachzukommen, griff man auf eine Notlösung zurück. Anstelle des gigantischen Tempelkomplexes kaufte Disney ein serienmäßiges Achterbahn-Modell des Herstellers Intamin und gestaltete es mit einem indisch angehauchten Theming.
Im Juli 1993 eröffnete Indiana Jones et le Temple du Péril. Es war die erste Achterbahn in einem Disney-Park überhaupt, die über einen Überschlag (Looping) verfügte. Die Attraktion war ein großer Erfolg bei den Besuchern, stellt aber nur einen winzigen Bruchteil dessen dar, was ursprünglich für Paris vorgesehen war.
Anstelle einer gigantischen Indoor-Outdoor-Expedition erhielten die Gäste eine kompakte Freiluft-Achterbahn, die im hinteren Teil des Adventurelands platziert wurde – genau auf dem Areal, das eigentlich für den riesigen Komplex reserviert war.
Das Erbe des verlorenen Bereichs
Obwohl Indiana Jones and the Lost Expedition in Paris nie gebaut wurde, gingen die Ideen der Imagineers nicht verloren. Viele der entwickelten Konzepte wurden in anderen Disney-Parks weltweit verfeinert und umgesetzt:



Disneyland (Kalifornien): Erhielt 1995 die gefeierte Themenfahrt Indiana Jones Adventure: Temple of the Forbidden Eye, deren Fahrtsystem und Storyline stark auf den Pariser Plänen basierten.
Tokyo DisneySea: Baute mit Indiana Jones Adventure: Temple of the Crystal Skull und der Achterbahn Raging Spirits zwei Attraktionen, die dem ursprünglichen visuellen Stil und Tempel-Design des Pariser Projekts sehr nahekommen.

Für Fans von Disneyland Paris bleibt die nie gebaute Lost Expedition eines der faszinierendsten “Was-wäre-wenn”-Szenarien der Freizeitpark-Geschichte. Es zeigt eindrucksvoll, wie nahe der Park an einem der ambitioniertesten und spektakulärsten Themenbereiche war, den Disney je entworfen hat.

Der Indiana Jones Themenbereich, der nie Realität wurde

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